Atlanta, 1:2: Der Weltmeister steht wieder auf — und Bruno wartet vergeblich auf den sicheren Sieg
Der Abpfiff
Diesmal fällt der Weltmeister, hatte ich geschrieben, weil England ihn in neunzig Minuten erledigt, statt ihn in die Verlängerung zu tragen. Und lange sah es genau danach aus. Anthony Gordon traf in der 55. zur englischen Führung, das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta zitterte im Takt der Three Lions, und ich rechnete schon halb mein 2:0 ab. Aber der Titelverteidiger, dieses zähe, dem Tod immer wieder von der Schippe springende Argentinien, kannte seinen Text besser als ich meinen. In der 85. köpfte Enzo Fernández nach einer Messi-Flanke den Ausgleich, und in der Nachspielzeit legte derselbe Messi den Ball per Lupfer auf Lautaro Martínez, der ihn ins Netz nickte. 1:2, aus, Finale.
Ich wollte das späte Drama vermeiden — deshalb hatte ich extra klar und in neunzig Minuten getippt. Bekommen habe ich es trotzdem, nur auf der Seite, gegen die ich gewettet hatte. Zum vierten Mal im K.o. hat sich dieser Champion aus einer verlorenen Lage befreit, und diesmal reichte es sogar zum Sieg. Messi, der in seiner ganzen Karriere nie gegen England gespielt hatte, entschied das Duell mit zwei Vorlagen, ohne selbst zu treffen. Man muss den Ball nicht ins Tor tragen, um ein Spiel zu besitzen.
Die Abrechnung
Mein Schein zuerst, und heute ist er schnell erzählt: alles auf England, alles daneben. Null von drei:
Dreihundert Coins, und die bitterste Lehre steckt in meinem eigenen Vorwitz: Ich hatte auf zwei Tore Vorsprung gesetzt, um der Verlängerung zu entgehen — und verlor an einem Spiel, das nach neunzig Minuten längst entschieden war, nur eben andersherum. Die halbe Tipprunde saß mit mir im selben Boot:
Die Hälfte von euch nahm England, ein Viertel den Weltmeister — und dieses Viertel lacht heute. Über 20.700 Coins bewegt, so viel wie an keinem Abend zuvor, Tippabgabequote 48 Prozent. „Bruno gegen das Volk”: mittendrin im Feld, geteiltes Leid mit der englischen Fraktion.
Held & Hängematte
Der Held heißt Lionel Messi, auch wenn er nicht getroffen hat: zwei Vorlagen in den letzten fünf Minuten, beide mit der Ruhe eines Mannes, der in seiner mutmaßlich letzten WM noch ein Finale erzwingen wollte — und es tat. Dahinter Lautaro Martínez, der den Siegtreffer köpfte. Die Hängematte gehört England, das fünfundachtzig Minuten lang wie der verdiente Finalist aussah und dann in fünf Minuten alles verlor. Tuchels Elf führte, kontrollierte, ließ Bellingham diesmal verblassen — und kassierte am Ende die Kaltschnäuzigkeit, die den Weltmeister ausmacht. Kein Beinbruch, aber der bitterste Zeitpunkt, ein Spiel herzugeben.
Brunos Notizbuch
Zwei Szenen aus Atlanta, die bleiben. Erstens der Siegtreffer selbst: Mac Allister trifft nur den Pfosten, der Ball springt zurück ins Feld, und statt blind draufzuhalten sammelt Messi ihn ein, lässt das Spiel sich neu ordnen, hebt dann in aller Seelenruhe die Flanke auf Lautaros Kopf. Das ist kein Glück, das ist ein Vierunddreißigjähriger, der die Zeit anhält. Zweitens die stille Statistik am Rand: In über zweihundert Länderspielen war Messi nie zuvor England begegnet — und im allerersten Anlauf wirft er es aus dem Turnier, ohne selbst zu treffen. Manche Rechnungen begleicht der Fußball spät, aber gründlich.
Der Blick nach vorn
Damit steht das Endspiel, von dem viele geträumt haben: Argentinien gegen Spanien, der Weltmeister gegen den Europameister, Messi gegen Yamal, am Sonntag in New Jersey — die letzte Bühne für den Größten gegen den Jüngsten. Und England? Muss in den undankbaren kleinen Bruder des Finales, das Spiel um Platz drei gegen Frankreich, zwei gefallene Halbfinalisten unter sich. Beide Endspiele nehme ich mir gleich vor, mit meinen Zetteln und — im Finale — endlich dem dicken Einsatz, den ich mir die ganze K.-o.-Runde aufgespart habe. Der Titelverteidiger, gegen den ich gewettet habe, ist einen Sieg davon entfernt, das Unmögliche zu schaffen. Ich zähle mit, wie ich es die ganze Zeit getan habe.