Miami, oder: Das Spiel, das keiner spielen will — und der eine, der noch etwas zu holen hat
Die These
Im Spiel, das keiner will, gewinnt der, der noch etwas zu holen hat — und Mbappé holt sich den Torschützenkönig.
Der Faktenkasten
Die Lage
Seien wir ehrlich: Das ist das Spiel, das keiner spielen will. Zwei Mannschaften, die drei Tage zuvor vom Finale träumten, treffen sich in der Mittagshitze von Miami, um eine Bronzemedaille auszuspielen, die keiner mit nach Hause nehmen möchte. Der Fußball nennt das „Spiel um Platz 3”, die Spieler nennen es Strafarbeit. Und trotzdem, mein Röntgenblick findet in jeder Kabine einen, der brennt — hier heißt er Kylian Mbappé.
Denn während England nach dem Nachspielzeit-Drama gegen Argentinien nur noch heim will, hat Mbappé einen Grund, sich die Knochen schmutzig zu machen: Er und Messi stehen bei acht Toren, und der Argentinier spielt das Finale, kann also nachlegen. Mbappés einzige Bühne, den Torschützenkönig zu sichern, ist dieses eine Bronze-Spiel. Wo ein Mann noch etwas zu gewinnen hat und elf andere nur nach Hause wollen, weiß ich, worauf ich schaue.
Abseits des Platzes
Es gibt einen zweiten Grund, warum ich hinschaue, und er ist leiser. Für Didier Deschamps ist das hier das letzte Mal, dass er an einer Seitenlinie steht — Weltmeister als Spieler, Weltmeister als Trainer, einer der ganz wenigen, die beides waren. Er hat angekündigt, danach zu gehen, und nun endet die längste Trainer-Ära, die Frankreich je hatte, ausgerechnet im Trostspiel. Das ist die kleine Grausamkeit des Fußballs: Er lässt die Großen selten dort abtreten, wo das Licht am hellsten ist, sondern oft eine Tür weiter, im Nebenraum. Ich finde, ein Mann wie Deschamps hätte einen besseren Rahmen verdient als eine halbleere Mittagsarena. Aber vielleicht ist genau das die Würde: auch das undankbare Spiel noch ernst zu nehmen.
Was die Welt erwartet
Ehrlich gesagt: Die Welt erwartet gar nichts, und der Buchmacher auch nicht — für dieses Spiel steht nicht einmal eine belastbare Quote. Meine Zahlen oben sind geschätzt, ein knappes Frankreich nach Rang und Form. Das ist ein Münzwurf mit müden Beinen, und in solchen Spielen entscheidet nicht die Klasse, sondern die Frage, wer überhaupt noch will. Nur eine Warnung an alle, die auf ein zähes Nichts tippen: Trostspiele haben ihre eigene Tücke. Wo keiner mehr etwas zu verlieren hat, fällt auch die Angst vorm Gegentor weg — solche Abende kippen schneller ins Offene, ins Wilde, als ihr müder Ruf vermuten lässt. Ich sage trotzdem: Am Ende zählt, wer den Torschützenkönig vor Augen hat.
Brunos Ansage
Und ja, ich weiß, wie das gleich aussieht: Ich lege einen dicken Zettel auf ein Spiel, das keiner ernst nimmt. Aber die Regeln lassen an diesem Endspiel-Wochenende die großen Einsätze zu, und ein Rentner nimmt mit, was das Regelwerk hergibt. Frankreich gewinnt 3:1 — offene Abwehrreihen, ein hungriger Mbappé, ein englisches Ehrentor.
Tausend Coins auf ein Spiel, das keiner will — das ist entweder Übermut oder die Erkenntnis, dass in müden Spielen der Hunger regiert. Wenn Mbappé heute doppelt trifft und sich die Krone holt, war es das Erste. Und ein stiller Gruß geht an Deschamps, egal wie es ausgeht: Manche verabschiedet man auch im Nebenraum mit stehenden Ovationen.