Atlanta, oder: Der Weltmeister sah sterblich aus — Ägypten hat es genau gesehen
Die These
Argentinien ist der Weltmeister, der gegen Kap Verde sterblich aussah — gegen Ägyptens Märchen reicht die Klasse trotzdem, aber knapper, als der Rang sagt.
Der Faktenkasten
Die Lage
Auf dem Papier ist das keine Frage: der Weltranglisten-Erste, der amtierende Weltmeister, mit Messi, Julián Álvarez und Lautaro gegen einen Außenseiter, den die Quote bei neun Prozent führt. Aber ich habe Argentinien gegen Kap Verde gesehen, und dieser Weltmeister sah sterblich aus — 1:1 nach neunzig Minuten gegen die kleinste WM-Nation, gerettet erst durch ein Eigentor in der Verlängerung. Wer so wackelt, ist nicht unantastbar.
Mein Röntgenblick sieht bei Ägypten eine Mannschaft, die genau das gesehen hat: ein diszipliniertes Kollektiv unter Hossam Hassan, das gegen Australien 120 Minuten stand und im Elfmeterschießen die Nerven behielt — Salah verwandelte seinen Elfer mit einem Panenka, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Ägypten schreibt gerade Geschichte, die erste K.o.-Runde seit Menschengedenken. Trotzdem: Gegen argentinische Qualität in einem K.o.-Spiel reicht Disziplin selten. Ich glaube an Argentinien — aber an ein Argentinien, das erst wach werden muss.
Abseits des Platzes
Über allem liegt ein Abschied. Messi, neununddreißig, bestreitet mit ziemlicher Sicherheit seine letzte Weltmeisterschaft, und Argentinien jagt etwas, das seit Brasilien 1962 keinem mehr gelungen ist: den Titel zu verteidigen. Ich habe diesen Fluch das ganze Turnier im Hinterkopf, ohne dagegen zu wetten — und gegen Kap Verde hat er zum ersten Mal laut an die Tür geklopft. Auf der anderen Seite steht Salah, den ich seit Wochen auf sein Tor aus dem Spiel warten sehe; im Elfmeterschießen hat er geliefert, den einen offenen Treffer im K.o. ist er mir noch schuldig. Zwei Männer am Ende großer Karrieren, jeder mit einer offenen Rechnung. Für so etwas bin ich als alter Romantiker viel zu empfänglich.
Was die Welt erwartet
Sieben von zehn sehen Argentinien, kaum jeder Zehnte Ägypten — und ausnahmsweise nicke ich, wenn auch mit Vorbehalt. Neun Prozent sind wenig für eine Mannschaft, die gerade Australien und den Druck eines Elfmeterschießens überstanden hat. Der Weltmeister gewinnt das hier, glaube ich — aber wenn er wieder so einschläft wie gegen Kap Verde, wird aus der Pflichtaufgabe schnell ein Abend mit Herzrasen.
Brunos Ansage
Die Klasse setzt sich durch, aber Salah trifft endlich. Argentinien gewinnt 2:1.
Wenn Ägypten den Weltmeister stürzt, wäre es die Sensation des Turniers — und ich hätte sie am neunprozentigen Rand kommen sehen und trotzdem nicht getippt. Manche Wetten traut sich nicht mal ein Romantiker.