Vancouver, oder: Zwei Verwalter, ein James — und Brunos Glücksstadt auf der falschen Seite
Die These
Zwei Mannschaften, die Spiele lieber verwalten als gewinnen — und am Ende entscheidet der bessere Spielmacher, nicht der bessere Sturm.
Der Faktenkasten
Die Lage
Das hier wird kein Torfestival, das rieche ich schon jetzt. Die Schweiz hat gegen Algerien 2:0 gewonnen, ohne je ins Schwitzen zu geraten — Yakins Elf ist das, was sie immer ist: kompakt, diszipliniert, unangenehm. Und Kolumbien? Ich habe sie in der Vorschau zu Ghana die „unaufgeregteste Mannschaft dieser Runde” genannt, und sie haben es prompt bestätigt: 1:0, verwaltet, fertig. Zwei Verwalter treffen aufeinander, und mein Röntgenblick sagt: Wer hier zuerst das Risiko sucht, verliert.
Der Unterschied liegt im Mittelfeld. Kolumbien hat James Rodríguez, einen Spielmacher, der mit vierunddreißig noch immer den einen Pass sieht, den kein anderer sieht — und Luis Díaz, der aus dem Nichts ein Spiel entscheidet. Die Schweiz hat Xhaka, den ewigen Ordnungshüter, aber keinen, der aus einem 0:0 einen Geniestreich zaubert. Ein Fragezeichen bleibt: Jhon Córdoba humpelte gegen Ghana früh raus, sein Einsatz ist offen. Fällt er aus, fehlt Kolumbien vorne ein Anker — aber James findet auch für andere die Lücke.
Abseits des Platzes
Lasst mich über James reden, denn seine Geschichte ist die schönste dieser Paarung. Zwölf Jahre ist es her, dass er 2014 mit dem Goldenen Schuh und diesem Volleytor gegen Uruguay die Welt verzückte — der Junge, der über Nacht zum Star wurde und danach jahrelang zwischen Real Madrid, Leihgeschäften und Bedeutungslosigkeit pendelte. Viele hatten ihn abgeschrieben. Jetzt, mit vierunddreißig, führt er Kolumbien als Kapitän durch ein Turnier, hat den Rekord für WM-Einsätze seines Landes gebrochen — vorbei an Legenden wie Valderrama und Rincón — und dirigiert eine ungeschlagene Mannschaft mit der Ruhe eines Mannes, der nichts mehr beweisen muss. Das ist kein Comeback, das ist ein später Frühling. Und ich habe eine Schwäche für Spieler, die dem Fußball beweisen, dass er sie zu früh vergessen hat.
Was die Welt erwartet
Das ist die knappste Kiste meines ganzen Achtelfinal-Zettels: Kolumbien vorne mit gut vier von zehn, das Remis fast ein Drittel, die Schweiz knapp dahinter. Ein Spiel, das nach Verlängerung riecht. Und jetzt kommt mein Gewissenskonflikt: Vancouver ist meine Glücksstadt — hier fiel mein erster perfekter Schein, hier habe ich zweimal auf die Schweiz gesetzt und zweimal kassiert. Heute tippe ich gegen sie. Das fühlt sich an wie Verrat an einem alten Freund.
Brunos Ansage
Der Spielmacher schlägt den Ordnungshüter, knapp und zäh. Kolumbien gewinnt 1:0.
Wenn mich meine Glücksstadt für den Verrat bestraft und die Schweiz weiterzieht, habe ich es nicht anders verdient. Aber der Kopf tippt James, und der Kopf hat in Vancouver auch schon recht gehabt.