Monterrey, oder: Die Fortsetzung, auf die Bruno seit 2022 wartet
Die These
Die Niederlande schickt eine ausgedünnte Abwehr in ein Spiel, das Marokko seit 2022 führen will — und diesmal führt es.
Der Faktenkasten
Die Lage
Oranje ist Favorit, klar — aber schaut auf die Abwehr, die Koeman zusammenklauben muss. Xavi Simons mit Kreuzbandriss raus, de Ligt verletzt, de Vrij verletzt, Timber verletzt. Van Dijk dirigiert eine Hintermannschaft, die zur Hälfte improvisiert ist. Und gegen wen? Gegen ein Marokko, das vorne Hakimi marschieren lässt, den frisch gebackenen Champions-League-Sieger, und Brahim Díaz, der bei Real Madrid die schwierigen Bälle bekommt. Das ist kein Außenseiter, der hofft. Das ist eine Mannschaft, die genau weiß, was sie kann.
Mein Röntgenblick sieht hier den verschworenen Haufen von 2022 gegen eine Star-Versammlung mit Lücken. Marokko hat in Katar bewiesen, dass die Ordnung der Großen verhandelbar ist — ich habe damals gestaunt und seither auf die Fortsetzung gewartet. Eine niederländische Abwehr ohne ihre drei besten Verteidiger ist genau die Einladung, auf die so eine Mannschaft lauert.
Abseits des Platzes
Zwanzig der sechsundzwanzig Marokkaner sind nicht in Marokko geboren — in Rotterdam, Amsterdam, Madrid, Brüssel, Paris. Drei stehen heute gegen das Land, in dem sie zur Welt kamen: Mazraoui, Salah-Eddine, Amrabat, alle in den Niederlanden geboren. Brahim Díaz wuchs in Málaga auf, spielte für spanische Jugendteams — und entschied sich für Marokko. Das ist keine Verlegenheit, das ist eine Wahl. Diese Spieler hätten den bequemen Weg gehen können, das Trikot der Geburtsstadt. Sie haben das Trikot der Herkunft gewählt, das ihrer Eltern, das schwierigere. Und Marokko hat aus dieser Wahl ein Halbfinale gemacht, als erste afrikanische und arabische Nation überhaupt. Wer fragt, was eine Nationalmannschaft ist, bekommt hier die ehrlichste Antwort des Turniers: die, für die man sich entscheidet.
Was die Welt erwartet
Knapp die Hälfte sieht Oranje vorne, ein Viertel Marokko, der Rest ein Remis. Der Markt rechnet mit dem Namen Niederlande und übersieht die Lazarettliste. Ich rechne mit der Kabine. Ein Marokko in dieser Form gegen eine Notabwehr ist näher dran, als die 25 Prozent sagen.
Brunos Ansage
Die Fortsetzung beginnt hier. Marokko gewinnt 2:1.
Ich bin diesem Team in Katar verfallen. Heute Nacht in Monterrey halte ich ihm die Treue — mit dem Herzen und, ausnahmsweise, auch mit dem Kopf.