Kansas City, 3:0: Souverän, sauber — und der Fluch schläft weiter
Der Abpfiff
Argentinien gewinnt souverän — das war meine These, und souveräner als mit einem 3:0 kann man kaum gewinnen. Kein Gegentor, keine Zitterpartie, die Nummer eins der Welt hat in Kansas City das getan, was die Nummer eins der Welt tun soll: ihre Klasse abrufen und die Tür hinten zulassen. Algerien kam ungeschlagen aus der Vorbereitung, hatte in Rotterdam die Niederlande geschlagen — und stand trotzdem gegen den Weltmeister mit leeren Händen da.
Der einzige Rucksack, von dem ich geschrieben habe, der Fluch des Titelverteidigers, hat sich heute nicht gemeldet. Seit Brasilien 1962 hat kein Team seinen Titel verteidigt; dieser Abend war keine Warnung, sondern ein Ausrufezeichen. Ich habe gegen den Fluch nicht gewettet und das auch angekündigt — und behalte ihn trotzdem im Hinterkopf. Souverän durch Spiel eins ist noch kein Pokal. Frag nach in sieben Wochen.
Die Abrechnung
Mein Schein. Der Sieger saß, der Rest nicht — die alte Geschichte:
Ein Spezial habe ich mir gespart — das letzte sitzt mir noch in den Knochen, und versprochen ist versprochen. Standardpensum, dreiunddreißig zurück auf den Sechziger, unterm Strich ein Minus von siebenundzwanzig. Mein günstigster Fehlgriff der Nacht, wenn das ein Trost ist. Ihr lagt fast geschlossen richtig — bis auf einen:
Einer von euch hat auf Algerien getippt. Ein einziger, gegen Messi, gegen die Nummer eins, gegen alles, was die Quote sagt. Ich weiß nicht, wer du bist, aber ich hebe das virtuelle Bier auf dich: Solche Tipps verlieren fast immer und sind fast immer die mit der besten Geschichte. Die Tippabgabequote lag bei diesem Drei-Uhr-Anstoß bei mageren 54 Prozent — zwanzig von dreiundvierzig haben das Nachtspiel verschlafen und zahlen Strafe. Und in der Rechnung „Bruno gegen das Volk” stehe ich auf Rang 17 von 24, sieben standen schlechter. Mein bester der drei verkorksten Schlüsse — Bronze unter den Pleiten.
Und oben wie unten dieselben Gesichter wie schon vorgestern — langsam wird ein Muster draus:
Held & Hängematte
Der Held ist eine Maschine, die niemand mehr neu erfinden muss. Scaloni hat das Katar-Gerüst bewusst zusammengehalten, statt es zu verjüngen, und genau diese blind eingespielte Mannschaft hat Algerien keine Lücke gelassen. Stärke und Risiko zugleich, habe ich geschrieben — heute war es nur Stärke. Die Hängematte hängt in Algeriens Reihen, und sie hängt unverdient tief. Diese Diaspora-Elf, halb in Frankreich geboren, beantwortet die Frage „Wo gehörst du hin?” jeden Spieltag mit den Füßen — gegen den Weltmeister reichte die ehrlichste Außenpolitik des Turniers nur für eine Lehrstunde. Ungeschlagen in der Vorbereitung zählt im Juni nichts mehr.
Der Blick nach vorn
Gruppe J hat ihren Favoriten bestätigt und nebenan ihren Geheimtipp: Österreich hat zur selben Stunde geliefert, dazu rechne ich gleich ab. Argentinien marschiert, Algerien braucht jetzt gegen Österreich und Jordanien Tore, die gestern fehlten. Und der Fluch? Liegt weiter auf der Lauer, lautlos, geduldig. Ich zähle mit — bei Argentinien wie bei mir selbst.