Niederlande – Japan: Die Maschine, die nach dem Spiel die Tribüne fegt
Die These
Japan ist die am meisten unterschätzte Mannschaft dieses Turniers — und Oranje erwischt sie zur denkbar schlechtesten Zeit.
Der Faktenkasten
Die Lage
Ihr kennt meine Schwäche für Japan, ich trage sie seit Turnierbeginn offen vor mir her — aber heute brauche ich sie nicht mal. Die Zahlen reichen: sechs Siege in Serie, in der Quali 54:3 Tore, im Frühjahr als erste japanische Mannschaft überhaupt in Wembley gewonnen und in Hampden gleich hinterher. Aguirre, der diese Mannschaft mal trainiert hat, sagt über sie: Neunzig Prozent spielen in Europa, das Trainingsniveau ist ein anderes. Und der Trainer, Moriyasu, baut seit acht Jahren keine Startelf, sondern eine Kultur. Der Wermutstropfen ist diesmal echt: Mitoma fehlt, ausgerechnet der Mann des Wembley-Tors, und Kapitän Endo humpelt der Fuß-OP hinterher. Dafür gibt es Kubo, und Kubo reicht oft.
Oranje dagegen reist mit Fragezeichen im Gepäck: Simons und Schouten haben sich die Kreuzbänder gerissen, der Stammkeeper Verbruggen bekam in der Generalprobe eine Hüfte verpasst und trainierte erst Freitag wieder, Depay — Topscorer der Quali — ist gerade erst zurück und nicht bei Kräften. Zum Abschied aus Eindhoven gab es ein 0:1 gegen Algerien und höfliches Pfeifen. Van Dijk und De Jong können vieles davon zudecken. Aber eine Kabine, die ihre Achse sucht, gegen eine, die seit Jahren dieselbe ist — ihr wisst, wohin mein Blick fällt.
Abseits des Platzes
Das größte Stadion dieser WM steht in Arlington, hat ein Dach, eine Klimaanlage und eine Preisliste: Gruppenspiel-Tickets begannen offiziell bei 60 Dollar und enden in der Spitzenkategorie bei 6.730, dynamisch versteht sich, der Wiederverkauf für heute Abend startet bei rund 600. Und dann ist da noch das Detail, das ich euch nicht vorenthalten kann: Der Parkplatz kostet bis zu 175 Dollar — das Auto abstellen kann teurer sein als der Mensch im Stadion. Irgendwo in diesem Satz steckt die ganze Ökonomie dieses Turniers. Die japanischen Fans werden nach dem Abpfiff übrigens wieder die Ränge aufräumen, wie immer, gratis. Vielleicht schickt ihnen die FIFA wenigstens eine Parkplatz-Gutschrift.
Was die Welt erwartet
Knapp jeder Zweite sieht Oranje, Japan und das Remis teilen sich den Rest brüderlich. Übersetzt: Der Markt traut Japan den Punkt zu, aber nicht den Sieg. Genau in dieser Lücke wohne ich heute.
Brunos Ansage
Japan gewinnt 2:1. Mit Herz getippt und mit Kabine begründet — die Mischung, die mich reich oder lächerlich macht:
2010 hat die Niederlande das einzige WM-Duell der beiden gewonnen, 1:0, auf dem Weg ins Finale. Sechzehn Jahre später ist das hier ein anderes Japan. Und ein anderes Oranje — leider für Oranje.