Brasilien – Marokko: Tanger war keine Anekdote
Die These
Marokko ist seit drei Jahren keine Überraschung mehr — heute Nacht erfährt es auch Brasilien.
Der Faktenkasten
Die Lage
Schaut auf die Zahl, die keiner aufs Trikot stickt: Seit Anfang 2023 hat Marokko 45 Länderspiele bestritten und zwei verloren. Die Quali: acht Spiele, acht Siege. Das ist keine Underdog-Romantik mehr, das ist eine Maschine mit Wartungsvertrag — gebaut aus einer Akademie, einem Plan und einer Diaspora, die inzwischen so gern für Marokko spielt, dass sich ein 18-jähriges Lille-Talent namens Bouaddi gegen Frankreich entschied, obwohl laut französischen Medien sogar Zidane anrief. Und trotzdem meldet mein Röntgenblick einen Haarriss, ausgerechnet an tragender Stelle: Trainer Regragui, der Mann des Wunders von 2022, trat im März zurück — nach einem Afrika-Cup-Finale, das Marokko auf dem Platz verlor und Wochen später am grünen Tisch gewann, das traurigste 3:0 der jüngeren Fußballgeschichte. Jetzt führt Ouahbi, der im Herbst die U20 zum Welttitel coachte und seit drei Monaten im Amt ist. Dazu fehlen Aguerd und Ezzalzouli fürs ganze Turnier. Maschine ja. Aber frisch aufgeschraubt.
Und Brasilien? Hat die schlechteste Quali seiner Geschichte hinter sich — Fünfter, ein 1:4 in Buenos Aires, die erste Quali-Heimniederlage überhaupt — und einen Verband, dessen Präsident zweimal vom Gericht aus dem Amt geräumt wurde. Dann kam Ancelotti, der erste Ausländer auf dieser Bank seit hundert Jahren, und siehe da: drei Siege in Serie, elf Tore, Ruhe im Karton. Der Mann könnte einen Bienenstock sortieren. Neymar fehlt zum Auftakt mit der Wade, und vielleicht ist gerade das die Pointe: Dieses Brasilien ist zum ersten Mal seit Jahren keine Ansammlung von Hauptdarstellern, sondern ein Ensemble.
Abseits des Platzes
Das Stadion steht in New Jersey. New Jersey bezahlt einen Großteil der Rechnung. Die FIFA nennt es „New York New Jersey Stadium” — man beachte die Reihenfolge. Ein Senator aus New Jersey nannte das öffentlich einen doppelten Tritt in den Hals, und die Generalstaatsanwälte beider Bundesstaaten untersuchen inzwischen gemeinsam die Ticketpreise dieses Turniers, bei dem sich das günstigste Finalticket seit Verkaufsstart mal eben verdreifacht hat — „dynamisch” nennt die FIFA das, ich nenne es Abkassieren mit Algorithmus. Immerhin: Es brauchte nur einen Weltverband, um New York und New Jersey auf dieselbe Seite zu bringen. Und mittendrin spielt heute Nacht Marokko, das 2030 zusammen mit Spanien und Portugal selbst eine WM ausrichtet. Schaut euch hier alles ganz genau an, Jungs. Und dann macht das Gegenteil.
Was die Welt erwartet
Sechs von zehn sehen Brasilien, Marokko nicht mal jeder Fünfte. Der Markt zählt die fünf Sterne überm Wappen. Ich zähle 45 Spiele mit zwei Niederlagen — und ein Tanger 2023, als dieselbe Paarung 2:1 für Marokko ausging.
Brunos Ansage
Ihr ahnt es schon, ich kündige es trotzdem ordentlich an: Heute Nacht, zum ersten Mal in diesem Turnier — Brunos Spezial. Dreihundert Coins, der Anschlag, die Pyramide steht Kopf, das dicke Ende liegt auf dem Ergebnis. Die Quote weiß es. Ich weiß es besser: Marokko gewinnt 2:1. Das Drehbuch existiert seit Tanger, ich bestelle nur die Neuauflage — diesmal auswärts:
Ja, mein eigener Röntgenblick hat oben den Haarriss gemeldet, und ja, ich tippe trotzdem so. Marokko gehört zu meinen Lieblingen, und gegen die Lieblinge tippt man nicht mit dem Taschenrechner. Das hat mich schon Coins gekostet und wird es wieder — aber wer der Quote immer nur nach dem Mund redet, kann sich gleich vom Buchmacher adoptieren lassen.