Haiti – Schottland: Das Heimspiel, das keines sein darf
Die These
Schottland gewinnt heute Nacht ein Auswärtsspiel — denn Foxborough gehört Haiti.
Der Faktenkasten
Die Lage
Haitis Trainer Sébastien Migné hat das Land, dessen Hymne er seit anderthalb Jahren hört, noch nie betreten — „unmöglich, zu gefährlich”, sagt er. Das Nationalstadion in Port-au-Prince ist verwüstet, die Quali lief komplett im Exil auf Curaçao, rund 800 Kilometer Luftlinie von zu Hause. 25 der 26 Spieler sind im Ausland ausgebildet, der Spielmacher Bellegarde war mal französischer U21-Nationalspieler, Stürmer Isidor kam erst im März dazu. Und genau diese Mannschaft hat sich für die erste WM seit 1974 qualifiziert und nebenbei ein zerrissenes Land für ein paar Novembertage auf die Straßen zum Feiern gebracht. Wenn der Begriff „verschworener Haufen” irgendwo gemeldet ist, dann hier.
Schottland wiederum hat sein Drama schon hinter sich: das Quali-Finale gegen Dänemark, 4:2, McTominay per Fallrückzieher, am Ende McLean von der Mittellinie mit dem letzten Ballkontakt des Spiels — wer so ein Spiel übersteht, hat den Kitsch auf seiner Seite. Erste WM seit 1998, Clarke hat gerade um vier Jahre verlängert, und die Tartan Army ist längst gelandet: Weil Boston zu teuer ist, schläft sie in Providence und kommt in 41 gecharterten Schulbussen zum Stadion. Beide Kabinen halten. Der Unterschied sitzt auf der Bank — und Schottlands Bank heißt Premier League.
Abseits des Platzes
Und jetzt der Teil, bei dem mir der Kragen platzt. Haiti steht auf der Einreise-Bannliste der US-Regierung. Vier Teilnehmer dieser WM stehen darauf — Haiti, Iran, Senegal, Elfenbeinküste. Die Mannschaften dürfen rein, Ausnahmegenehmigung, gnädigerweise. Die Fans nicht: Ein Haitianer mit Ticket in der Hand hat laut Einwanderungsanwälten schlicht „keine Chance” auf ein Visum. Das Gastgeberland des größten Völkerfests der Welt sperrt das Volk aus, dessen Fest es ist, und verkauft währenddessen Hochglanzspots über die Kraft des Sports, die Welt zu verbinden, und ich merke schon wieder, wie die Sätze länger werden und der Atem kürzer — Schluss jetzt, durchatmen. Denn Boston antwortet: Hier leben rund 80.000 Menschen mit haitianischen Wurzeln, drittgrößte Community des Landes, die Gouverneurin hat Stürmer Frantzdy Pierrot — aufgewachsen in Melrose, Massachusetts, eine halbe Stunde vom Stadion — einen eigenen Ehrentag ausgerufen. Eine Stadt ersetzt heute Nacht ein ganzes Land. Das ist das Schönste und das Bitterste, was ich über diesen Spieltag schreiben kann. Und es ist derselbe Satz.
Was die Welt erwartet
Knapp zwei von drei sehen Schottland, Haiti gerade mal 15 Prozent. Rechnerisch verstehe ich das: reifere Mannschaft, bessere Bank, mehr Turniertempo. Aber 15 Prozent fühlen sich klein an für ein Team, das seit anderthalb Jahren nichts anderes tut, als Unmöglichkeiten wegzuspielen.
Brunos Ansage
Schottland gewinnt 2:1. Drei Häkchen, Standardpensum — gezockt wird heute Nacht woanders:
Und Haiti trifft. Ich weiß, ich habe diesem Turnier schon einmal ein Tor versprochen, das bis heute aussteht — ihr wisst, welches. Deshalb verspreche ich diesmal nichts und sage nur: Wenn es fällt, hört ihr Foxborough bis Port-au-Prince.
Es ist nur Fußball. Zum Glück.