Boston, oder: Die Revanche, auf die Bruno seit dem Halbfinale 2022 wartet
Die These
Das Halbfinale 2022 schreit nach Revanche — und diesmal traue ich sie meinem Liebling zu, auch wenn die Quote mich auslacht.
Der Faktenkasten
Die Lage
Ich weiß, wie das aussieht: sechzig Prozent für Frankreich, sechzehn für Marokko, und ich lege trotzdem auf den Außenseiter. Aber hört mir zu. Frankreich ist eine Maschine, fünf Siege, Mbappé auf Torjägerkurs, Olise als bester Vorlagengeber des Turniers — daran gibt es nichts zu deuteln. Nur: Im Mittelfeld fehlt womöglich Tchouaméni, der Abräumer, der diese Maschine zusammenhält, und genau dort ist Marokko am stärksten.
Mein Röntgenblick liebt diese marokkanische Kabine, seit sie in Katar Halbfinale spielte — und sieben Männer von damals stehen wieder auf dem Platz. Sie haben die Niederlande vom Punkt bezwungen und Kanada 3:0 zerlegt, ohne dass ihnen die müden Beine etwas anhaben konnten. Hakimi marschiert, Brahim Díaz zaubert, Bounou hält. Das ist kein Zufallsgast, das ist die erste afrikanische Nation, die in zwei Weltmeisterschaften hintereinander im Viertelfinale steht. Wo Quote und Kabine auseinanderlaufen, folge ich der Kabine — und heute folge ich ihr mit dem Herzen.
Abseits des Platzes
Kein Spiel dieses Turniers spaltet so wie dieses, und zwar mitten durch französische Wohnzimmer. Rund anderthalb Millionen Marokkaner leben in Frankreich, die größte marokkanische Diaspora der Welt, und wenn diese beiden aufeinandertreffen, zerreißt es Familien in der schönsten und schmerzhaftesten Weise. „Frankreich gegen Marokko”, hat einer 2022 gesagt, „das ist, als spielte mein Vater gegen meine Mutter.” In Paris läuft das Spiel auf der Großleinwand im Grand Rex, und in derselben Métro sitzen Menschen mit zwei Fahnen im Herzen und einer einzigen Entscheidung im Magen. Für mich ist das kein Loyalitätsproblem, sondern der schönste Beweis, dass eine Nationalmannschaft eine Wahl ist und kein Schicksal. Wer da von „Undankbarkeit” faselt, hat weder Fußball noch Menschen verstanden.
Was die Welt erwartet
Der Markt ist sich sicher: Frankreich, klare Sache, Marokko ein Sechstel-Hoffnung. Und ich sage so deutlich wie selten: Ich tippe dagegen. Nicht, weil ich die Zahlen nicht sähe — sondern weil ich diese Kabine gesehen habe und weil eine alte Rechnung offen ist. Das kostet mich vielleicht Coins. Es wäre nicht das erste Mal, dass mein Herz teurer ist als mein Kopf.
Brunos Ansage
Im K.o. lässt das Bettle jetzt größere Einsätze zu, und für meinen letzten verbliebenen Liebling gehe ich noch einmal in die Vollen: sechshundert Coins, das dicke Ende aufs Ergebnis. Marokko gewinnt 1:0.
Sechshundert auf das Herz — so viel wie nie. Wenn Frankreich meine Romantik bestraft, zahle ich es mit dem breitesten Grinsen und einem stillen Gruß an Deschamps, den letzten seiner Art. Aber diesmal, glaube ich, gehört der Abend den Löwen vom Atlas.