Los Angeles, 3:2 — die Türkei steht in der 90. auf, die ich zweimal beerdigt habe
Der Abpfiff
Ich muss mich zum dritten Mal korrigieren, und das ist eines zu viel, um noch cool zu wirken. Zweimal nannte ich die Türkei „zu jung, um zu verlieren”, zweimal verlor sie — und dann schrieb ich sie endgültig ab: Talent ohne Kaltschnäuzigkeit. Vier Uhr morgens, halbleeres SoFi Stadium, totes Spiel für beide. Und ausgerechnet hier zeigte dieser Kader endlich die Kaltschnäuzigkeit, die ich ihm abgesprochen hatte.
Auston Trusty köpfte die USA nach drei Minuten in Führung, und ich dachte: läuft nach Plan. Dann Arda Güler in der 10. — „Güler trifft endlich”, hatte ich getippt, und da war er. Barış Alper Yılmaz drehte auf 2:1, Sebastian Berhalter glich in der 49. zum 2:2 aus, und als alles auf das gerechte Remis zulief, stand in der 90. Kaan Ayhan da und machte das 3:2. Mein „Güler trifft und verliert trotzdem” war zur Hälfte prophetisch und zur Hälfte komplett verkehrt. Die Türkei verlor nicht. Sie gewann. Endlich.
Die Abrechnung
Mein Schein — drei Kreuze, und das eine, das stimmte, zählte nicht für mich:
Hundertzwanzig Coins weg, null von drei. Güler traf, wie ich es geschworen hatte — und mein Schein verbrannte trotzdem, weil ich die Pointe falsch herum aufgeschrieben hatte. So geht das, wenn man den Sieger kennt und das Spiel nicht. Ihr habt mehrheitlich mit mir auf die USA gesetzt — und auch ihr lagt vorn daneben:
Nur fünf von euch trauten der totgesagten Türkei den Sieg zu — und die fünf grinsen heute. 3.500 Coins bewegt, Tippabgabequote 57 Prozent. Mein Tagesrang: Platz 21 von 27, sechs standen schlechter. Im Mittelfeld der Enttäuschten, immerhin nicht allein.
Held & Hängematte
Der Held ist Kaan Ayhan, der in der 90. das Tor macht, das die Türkei seit zwei Wochen gesucht hatte — aber der eigentliche Held ist Arda Güler, der endlich die Bühne nahm, auf die ich ihn die ganze Vorschau über geschoben hatte. Die Hängematte gehört einer US-Elf, die zweimal führte und trotzdem verlor — was sportlich folgenlos bleibt, denn Pochettino hatte längst rotiert und den Gruppensieg in der Tasche. Ein anderes US-Team, wie ich geschrieben hatte; nur diesmal eines, das eine Bewerbung abgeben sollte und stattdessen einen späten Konter kassierte.
Der Blick nach vorn
Die USA ziehen als Gruppensieger ins Sechzehntelfinale ein, kein Schaden, nur eine Schramme. Die Türkei fliegt heim — aber mit einem Sieg, drei Toren und Gülers erstem WM-Treffer im Gepäck, und mit dem Versprechen, das ich ihr zweimal zu früh abgesprochen habe: dieser Kader kommt wieder. Ich nehme das „endgültig gescheitert” zurück. Manche Mannschaften brauchen ein totes Spiel, um zu zeigen, wer sie werden.