Atlanta, 4:2 — Marokko gewinnt das Sechs-Tore-Spektakel, Haiti geht groß baden und groß heim
Der Abpfiff
„Marokko hat nichts zu verlieren und alles zu gewinnen.” Gewonnen hat es — aber nichts daran war souverän, und genau deshalb war es großartig.
Im Mercedes-Benz Stadium von Atlanta ging ausgerechnet Marokkos Keeper Bounou der erste Patzer durch die Finger: Eigentor, 0:1 Haiti, zehnte Minute. Haiti, der Underdog, führte — und nach Hakimis Ausgleich legte Wilson Isidor sogar das 1:2 nach. Dann erinnerte sich Marokko daran, wer hier der WM-Viertelfinalist von 2022 ist: Saibari noch vor der Pause zum 2:2, Soufiane Rahimi mit dem 3:2, Gessime Yassine in der 89. zum 4:2. Sechs Tore, zwei Führungswechsel, ein Spiel, das kein Mensch um die Uhrzeit gucken wollte und über das morgen alle reden. Mein Liebling hat geliefert. Auf die unordentlichste Art, die er finden konnte.
Die Abrechnung
Mein Schein — Sieger ja, alles andere im Torhagel ersoffen:
Ein 3:0 getippt für ein 4:2 — ich hatte die richtige Mannschaft und das völlig falsche Drehbuch. Wer ein Spiel mit sechs Toren als sauberes Zu-null vorhersagt, hat den Fußball nicht verstanden, und das nach all den Jahren. Knapp dreiundvierzig Coins weg. Das Volk lag mit dem Sieger goldrichtig, mit der Höhe so daneben wie ich:
Fünfzehn von neunzehn auf Marokko — der Favorit war klar, der Weg dorthin nicht. Gut viertausend Coins bewegt, Tippabgabequote 58 Prozent. Mein Rang: Platz 21 von 27, sechs standen schlechter.
Held & Hängematte
Der Held ist Soufiane Rahimi: erst das 3:2 selbst, dann die Vorlage zum 4:2 — der Mann, der ein wackelndes Marokko aufrichtete, als es zu kippen drohte. Die Hängematte gehört Haiti, und sie verlässt das Turnier mit erhobenem Kopf. 52 Jahre Wartezeit, drei Niederlagen, ja — aber heute Nacht haben sie einen Viertelfinalisten zweimal in Rückstand gebracht und ihm bis zur 78. Minute Angst eingejagt. Isidors Tor, Duvernes Vorlage, eine Mannschaft, die nicht wusste, dass sie chancenlos sein sollte. Manche Niederlagen sind mehr wert als mancher Punkt.
Der Blick nach vorn
Gruppe C ist sortiert: Brasilien oben, Marokko als Zweiter im Achtelfinale — mein Liebling ist weiter, und ob ich ihm das exakte Ergebnis je richtig tippe, ist eine andere Frage. Haiti ist raus, Schottland auch, zwei Abschiede an einem Abend. Der eine laut, der andere leise, beide mit Anstand. Es ist nur Fußball. Zum Glück.