Miami, oder: 28 Jahre Pause — und dann gleich Brasilien
Die These
28 Jahre Absenz, und das Abschlussexamen heißt Brasilien — Schottland kämpft mit allem, was es hat, aber die Selecção hat zu viel, was Schottland nicht hat.
Der Faktenkasten
Die Lage
Ich will ehrlich sein: Die Quote gibt Schottland zwölf Prozent Chance auf den Sieg, und für einmal gehe ich nicht dagegen an. Brasilien hat Vinícius Júnior, der in zwei Spielen drei Tore gemacht hat — und möglicherweise Neymar auf der Bank, falls die Wade mitspielt. Schottland hat McTominay, McGinn, Robertson und das Feuer einer Generation, die noch nie eine WM erlebt hat. Das sind echte Argumente, auch wenn die Quote sie konsequent ignoriert.
Das Problem liegt woanders: Schottland muss diese Nacht unbedingt etwas mitnehmen. Die schottische Kabine ist angeschlagen — Hickey fraglich, McKenna und Ferguson auf Kante genäht — und spielt gegen eine Selecção, die sich einen Punkt leisten kann, ohne auch nur nervös zu werden. Ancelotti lässt taktische Geduld zu; Schottland kann nicht taktisch geduldig sein. Diese Asymmetrie tötet mehr Träume als Einzelspieler.
Mein Röntgenblick sieht eine schottische Mannschaft, die alles gibt und trotzdem den Abend als Verlierer verlässt. Ich sage 0:2 — weil Brasilien mit dem Fuß auf der Bremse trotzdem zu viel ist, und weil das schottische Tor aus dem Wunsch heraus fällt, nicht aus echtem Druck auf Cunha und Vinicius.
Abseits des Platzes
Scott McTominay war 1998 ein Jahr alt. Das letzte WM-Spiel, das Schottland bestritt — 0:3 gegen Marokko — erlebte er nicht. Er war zu jung, um es zu sehen, und die Generation, die es sah, hat danach sechs Weltmeisterschaften als Zuschauer verfolgt. Wer heute auf dem Platz steht, ist die erste schottische WM-Generation des 21. Jahrhunderts: aufgewachsen ohne dieses Turnier, ohne Referenz, ohne Vergleich. Das macht sie frei — und das macht den dritten Spieltag gegen Brasilien umso absurder. Es ist wie 28 Jahre weggehen, um dann an der Tür abgeholt zu werden von jemandem, gegen den man noch nie gewonnen hat.
Was die Welt erwartet
Knapp sieben von zehn sehen Brasilien, jeder Fünfte tippt Remis — nur jeder Achte traut Schottland den Sieg zu. Der Markt sieht hier keine Überraschung, und ich sehe sie auch nicht. Was ich sehe, ist eine Mannschaft, die trotzdem auftritt und eine Nation, die ihre WM-Rückkehr in dieser Nacht ein letztes Mal auskosten wird, egal wie es ausgeht.
Brunos Ansage
Kein Herzeins-Tipp, ein Kopf-Tipp — mit einer dünnen Hoffnung im Hinterkopf, dass McGinn oder McTominay mich eines Besseren belehren. Brasilien gewinnt 0:2. Meine drei Häkchen, Standardpensum:
28 Jahre gewartet, um in Miami gegen Brasilien zu verlieren. Wenn das kein schottisches Schicksal ist, weiß ich auch nicht weiter.