England – Kroatien: Ein Deutscher soll die Wunde von 2018 schließen
Die These
England gewinnt zäh und ohne Glanz — weil ein deutscher Trainer den Three Lions endlich die Disziplin verpasst, an der sie seit Jahrzehnten scheitern.
Der Faktenkasten
Die Lage
Es gibt Wiedersehen, die sind ein Geschenk, und es gibt Wiedersehen, die sind eine offene Rechnung. Dieses hier ist Letzteres. Derselbe Dalić, derselbe Modrić, dieselbe Generation, die Englands WM-Traum 2018 in Moskau in der Verlängerung zerlegte — und jetzt steht sie England gleich im ersten Spiel wieder gegenüber. Mein sozialer Röntgenblick sieht bei den Kroaten eine alternde, aber verschweißte Truppe um einen Vierzigjährigen, der mit gebrochenem Jochbein zurückkam und trotzdem traf. Das ist kein Kader, das ist eine Lebensgeschichte mit Stollenschuhen, Modrićs letzter Tanz.
England wiederum trägt, was es immer trägt: die Last, endlich liefern zu müssen. Top vier der Welt, dreimal zuletzt nah dran, nie da. Tuchel hat dafür Foden und Palmer aussortiert — eine Ansage, dass diesmal Ordnung vor Eitelkeit geht. Ich traue ihm das zu. Es wird kein Fest, es wird ein Arbeitssieg.
Abseits des Platzes
Und jetzt das Pikante: Da soll ausgerechnet ein Deutscher die Engländer erlösen. Thomas Tuchel, erst der dritte ausländische Nationaltrainer der Three Lions und der erste aus meinem Land, hat mit seiner Berufung eine Identitätsdebatte ausgelöst — Gary Neville fragte öffentlich, was das über das englische Trainerhandwerk aussage. Ich finde die ganze Aufregung herrlich. Als ob ein Pass ein Tor besser macht. Fußball war immer dann am größten, wenn er sich um Grenzen keinen Deut geschert hat — ein Land, das einen Trainer nach dem Reisepass beurteilt statt nach der Aufstellung, hat das nicht verstanden. Ich sag das als jemand, dem man dreißig Jahre erklärt hat, „echter” Fußball habe einen bestimmten Stallgeruch. Hatte er nie.
Was die Welt erwartet
Gut die Hälfte sieht England, nur jeder Fünfte die Kroaten — der Markt traut der goldenen Generation ihr Alter an. Verstehe ich. Ich rechne trotzdem mit einem engen Abend, in dem Modrić noch einmal zeigt, dass Erfahrung kein Verfallsdatum kennt.
Brunos Ansage
England gewinnt 1:0. Kein Spektakel, ein verwalteter Sieg — Tuchels Handschrift. Meine drei Häkchen, Standardpensum:
Und wenn Modrić mit vierzig doch noch ein letztes Mal einen Engländer aussteigen lässt und das Ding dreht — dann ziehe ich den Hut, kämme die Mähne und schreibe morgen ein Loblied. Tippen tu ich es nicht.