Arlington, 4:2: England liefert — nur ganz anders, als ich es angesagt habe
Der Abpfiff
„England gewinnt zäh und ohne Glanz”, hatte ich geschrieben, „ein verwalteter Sieg, Tuchels Handschrift.” England hat gewonnen — und alles andere an meinem Satz war Makulatur. Aus dem zähen 1:0-Arbeitssieg wurde ein 4:2, ein offenes Visier, ein Torfest in Arlington. Ich habe einem deutschen Trainer Disziplin zugetraut und ein Sechs-Tore-Spektakel bekommen. Vielleicht ist Tuchel englischer geworden, als ihm lieb ist.
Und Modrić? Hat sich nicht ergeben. Die goldene kroatische Generation, von der ich euch vorgeschwärmt habe, schoss zweimal und gab das Trauma von 2018 nicht kampflos zurück — aber hinten zeigte das Alter, vier Gegentore lang. Ich hatte versprochen, ein Loblied zu schreiben, falls der Vierzigjährige das Ding dreht. Gedreht hat er es nicht. Den Hut ziehe ich trotzdem: Wer mit vierzig in einem 4:2 noch zweimal zurückschlägt, braucht meinen Reim nicht.
Die Abrechnung
Mein Schein. Der Sieger saß, der Rest zerbröselte am Spektakel:
Knapp vierzig zurück auf den Sechziger, unterm Strich ein Minus von gut zwanzig — verkraftbar. Und ihr? Habt mehrheitlich auf etwas getippt, das es gar nicht gab:
Fast die Hälfte von euch sah ein Remis — bei einem Spiel, das am Ende sechs Tore hatte. Nur acht tippten England und kassierten. Knapp viertausend Coins bewegt, Tippabgabequote 70 Prozent. In der Rechnung „Bruno gegen das Volk” stehe ich auf Rang 22 von 31, neun standen schlechter — der richtige Sieger hat mich vorm Keller gerettet, mehr nicht.
Held & Hängematte
Der Held ist Englands Offensive, und das ist die eigentliche Überraschung. Tuchel hat Foden und Palmer aussortiert, um Ordnung über Eitelkeit zu stellen — und dann ballern seine Three Lions vier Tore, als hätten sie dreißig Jahre Halbfinal-Frust auf einmal abgeladen. Wenn das die deutsche Disziplin ist, will ich mehr davon. Die Hängematte hängt in Kroatiens Abwehr. Vorne lebte Modrićs letzter Tanz noch einmal auf, zwei Tore gegen den Mitfavoriten sind keine Schande — aber hinten klafften die Lücken, durch die das Alter pfeift. Diese Generation kann noch ein Spiel gewinnen. Vier Gegentore verzeiht ihr keine Gruppe.
Der Blick nach vorn
Gruppe L sortiert sich nach einem einzigen Spieltag klar: England voll dran, und auch Ghana hat geliefert — dazu rechne ich gleich nebenan ab. Kroatien steht schon unter Zugzwang, Modrićs Märchen braucht jetzt Punkte statt Poesie. Ich nehme den richtigen Sieger mit und die Lehre, die mich dieses Turnier nicht loslässt: Wer den Gewinner kennt, kennt noch lange nicht das Ergebnis. Heute hat mich genau diese Lücke zwanzig Coins und neun Plätze gekostet.
Es ist nur Fußball. Zum Glück.