Houston, 7:1 — und Curaçao traf trotzdem
Der Abpfiff
Ich hatte „deutlich” geschrieben. Es wurde sieben zu eins. Das ist nicht mehr deutlich, das ist eine Ansage an die ganze Gruppe — und meine zweite These, Deutschland lerne heute mehr über sich als über den Gegner, ist beim vierten Tor still verhungert. Über sich lernt man nichts, wenn der Gegner um halb acht schon kein Gegner mehr ist. Was man lernt: dass diese Nagelsmann-Elf, wenn sie darf, eben doch sieben Mal trifft, und dass 22 klimatisierte Grad in Houston für Tore offenbar die ideale Betriebstemperatur sind.
Und dann, mittendrin in dieser Demonstration, das eine Tor, das ich euch in der Vorschau versprochen und ausdrücklich nicht getippt habe: Curaçao trifft. 148.000 Menschen, die kleinste Nation, die je bei einer WM gespielt hat, schreiben sich gegen den Vierfach-Weltmeister in den Bericht. Ich habe es ihnen vom ganzen Herzen gegönnt und keinen Coin draufgelegt — Romantiker, kein Märchenerzähler, ihr erinnert euch. Heute war ich beides ein bisschen.
Die Abrechnung
Mein Schein, und er ist die Pointe des Abends: rechnerisch gewonnen, gefühlt nichts:
Ein Komma-acht für sechzig Coins Einsatz. So sieht es aus, wenn man bei neun von zehn auf den Favoriten geht und recht behält: Die Quote bezahlt einen Pflichtsieg in Kleingeld, und meine Tordifferenz und das genaue Ergebnis schlucken den Rest. Unterm Strich −58,20 — der teuerste „gewonnene” Tipp seit Langem.
Das Volk hatte es klüger und simpler: vier von fünf gingen auf Deutschland, und vier von fünf hatten recht.
6.870 Coins hat dieses Spiel durch Bettle One bewegt, der fetteste Topf des Batches — der DFB zieht die Leute eben doch an die Tipp-Maske, Tippabgabequote ordentliche 79,5 Prozent. Und während ich mein Komma-acht zähle:
Und ich? Rang 29 von 36 an diesem Spiel. Sieben standen schlechter — das waren die, die gegen Deutschland gehalten haben. Recht haben und trotzdem fast hinten stehen: Auch das ist diese WM.
Held & Hängematte
Der Held trägt Schwarz-Rot-Gold und kommt aus der Tiefe — eine Offensive, die einem eingeigelten Gegner sieben Tore einschenkt, ohne hektisch zu werden. Das ist keine Demütigung, das ist Geduld mit Vollendung, genau die Disziplin, von der ich schrieb, man könne sie gegen Curaçao trainieren. Die Hängematte hängt auf der anderen Bank, und ich lege sie behutsam hin: Advocaats Legionärstruppe hat gegen europäisches Tempo gehalten, bis sie nicht mehr hielt — sieben Gegentore sind kein Versagen einer Kabine, sondern der Tarif, den eine halbe Großstadt gegen 84 Millionen zahlt. Dass sie trotzdem trafen, ist der Satz, der bleibt.
Der Blick nach vorn
Gruppe E sortiert sich schneller als gedacht: Deutschland thront mit der Brechstange oben, und die Elfenbeinküste hat — Spoiler aus der nächsten Spalte — auf ihre Art ebenso geliefert. Curaçao und Ecuador brauchen jetzt Zähler statt Sympathien. Das Tor von Houston nehmen sie trotzdem mit nach Hause; manche Geschichten zahlen sich nicht in Punkten aus.