Kansas City, oder: Der Weltmeister wackelt, und die Schweiz erinnert sich an 2014
Die These
Der Weltmeister wackelt bei jedem Schritt — aber gegen eine Schweiz, die nur vom Punkt weiterkam, reicht das Zittern noch einmal.
Der Faktenkasten
Die Lage
Ich habe den Weltmeister zweimal am Abgrund gesehen. Gegen Kap Verde brauchte Argentinien die Verlängerung und ein Eigentor, gegen Ägypten lag es 0:2 zurück, Messi verschoss sogar einen Elfmeter — und dann stand er auf und riss die Elf mit Vorlage und Tor aus dem Feuer, Enzo Fernández köpfte in der 90. den Sieg. Das ist die Doppelnatur dieser Mannschaft: verwundbar wie selten und trotzdem mit dem einen, der jede Rechnung begleicht.
Mein Röntgenblick sieht bei der Schweiz genau die Sorte Gegner, die aus so einem Wackeln Kapital schlägt: Yakins Elf verwaltet, verteidigt, wartet — gegen Kolumbien 120 Minuten zu null, dann die Nerven vom Punkt. Wer den Titelverteidiger zermürben will, macht es so. Und trotzdem fehlt der Schweiz vorne, was Argentinien hinten fehlt: ein Ausnahmekönner. Deshalb tippe ich den Weltmeister — aber ich tue es mit dem Finger auf dem Puls, denn der Fluch, den ich seit Wochen mitzähle, klopft immer lauter.
Abseits des Platzes
In der Schweiz gibt es eine Wunde, die seit zwölf Jahren nicht ganz verheilt ist. WM 2014, Achtelfinale, São Paulo, 118. Minute: Messi tunnelt die Abwehr, legt quer, Ángel Di María trifft — Argentinien 1:0, die Schweiz raus, Sekunden vor dem Elfmeterschießen, für das sie sich schon bereitgemacht hatte. Es war der grausamste Zeitpunkt, den ein K.o.-Spiel kennt. Zwölf Jahre später, in Kansas City, sitzt derselbe Messi wieder gegenüber, und die Schweiz hat eine Rechnung offen, von der die halbe Nation noch träumt. Solche Wiedersehen mag ich: Der Fußball vergisst nichts, er hebt es nur auf.
Was die Welt erwartet
Sogar die Buchmacher haben den Weltmeister heruntergestuft — nur noch knapp sechs von zehn für Argentinien (Quoten extern, unser eigener Feed hat für dieses Spiel noch keine), ein Viertel aufs Remis, kaum jeder Fünfte für die Schweiz. Dass ein Titelverteidiger und Weltranglisten-Erster so gehandelt wird, sagt alles über seine wackligen letzten Wochen. Ich folge der Mehrheit, aber leiser als sonst.
Brunos Ansage
Der Wackelkandidat gewinnt, weil er Messi hat. Argentinien gewinnt 2:0.
Dreihundert Coins auf den Weltmeister — im K.o. wird gesetzt, nicht gekleckert. Aber wenn der Fluch heute zuschlägt und die Schweiz ihre Rechnung von 2014 begleicht, war ich es, der es hat kommen sehen.