Seattle, oder: Senegal spielt mit einer offenen Rechnung, und Bruno wettet darauf
Die These
Senegal trägt eine Ungerechtigkeit mit sich, die schwerer wiegt als Belgiens Marktwert — und Mané hat noch ein WM-Tor offen.
Der Faktenkasten
Die Lage
Belgien ist Favorit, aber schaut genau hin, wie knapp: keine fünfzig Prozent. Die goldene Generation hat im Gruppenfinale gegen Neuseeland endlich aufgemacht, 5:1, De Bruyne und Trossard und Lukaku auf einmal da — aber davor zwei blasse Spiele, ein 1:1 und ein 0:0. Das ist eine Mannschaft, die zwischen Weltklasse und Selbstzweifel schwankt, und Lukaku spielt nach einer Hamstring-Saison auf Risiko.
Und gegenüber? Eine senegalesische Kabine, die mit einer Wut spielt, die man nicht kaufen kann. Mein Röntgenblick liest hier zwei sehr verschiedene Antriebe: Belgien spielt für den nächsten Schritt, Senegal spielt gegen ein Unrecht. Im Gruppenfinale haben sie Irak 5:0 zerlegt, mit Koulibaly als Anführer, mit Pape Matar Sarr und Jackson, deren Premier-League-Klasse Belgien nicht unterschätzen darf. Der einzige Wermutstropfen: Torwart Mendy fehlt. Aber eine Mannschaft, die brennt, gleicht so etwas aus. Ich traue Senegal den Sturz des Favoriten zu — gegen die Quote, mit Überzeugung.
Abseits des Platzes
Senegal trägt eine offene Wunde nach Amerika. Im Februar gewann diese Generation das Afrika-Cup-Finale gegen Marokko auf dem Rasen — und bekam es Wochen später am grünen Tisch wieder abgenommen: ein 0:3-Forfait, weil Teile der Mannschaft aus Protest das Feld verlassen hatten, der CAS-Einspruch läuft bis heute. Sie reisen als amtierender Nicht-Champion eines Titels, den sie nach eigener Überzeugung gewonnen haben. Dazu kommt Sadio Mané, der seine letzte WM spielt und noch kein Turniertor erzielt hat — im Gruppenfinale fielen fünf, keines von ihm. Diese beiden offenen Rechnungen, die der Mannschaft und die des Mannes, treffen heute auf eine Bühne, die groß genug ist, sie zu begleichen. Wut plus Talent plus Bühne — das ist eine gefährliche Mischung.
Was die Welt erwartet
Knapp die Hälfte sieht Belgien, ein knappes Viertel Senegal — der Markt traut der goldenen Generation, übersieht aber den Brennstoff auf der anderen Seite. Ich gehe dagegen. Nicht blind, sondern mit dem Röntgenblick: Eine Kabine mit einer Rechnung schlägt eine Kabine mit Zweifeln.
Brunos Ansage
Die Wut gewinnt gegen den Marktwert. Senegal gewinnt 2:1.
Ich tippe gegen den Favoriten, und ich tue es gern. Manche Mannschaften spielen um ein Weiterkommen — Senegal spielt um Gerechtigkeit. Darauf wette ich.