Philadelphia, oder: Modrić und das letzte Kapitel — was bleibt, wenn alles gesagt ist
Die These
Eine Kabine, die einen Reset ausgerufen hat, findet ihn gegen einen dezimierten Gegner — oder sie findet ihn gar nicht mehr.
Der Faktenkasten
Die Lage
Jetzt steht Modrić mit vierzig Jahren im Lincoln Financial Field in Philadelphia, einem Stadion, das nach einem American-Football-Verein heißt und in dem er sein vermutlich letztes WM-Gruppenspiel überhaupt bestreiten wird. Gegen England wurde er in der 57. Minute ausgewechselt — nach einem verursachten Foulelfmeter, nach einem Abend, der nicht der seine war. Vier Niederlagen in der Gruppenphase hat Kroatien ihm nie zumuten müssen. Ob es am Samstag anders wird, hängt davon ab, ob diese Kabine noch einmal zusammenfindet.
Ghana steht mit sechs Punkten nach zwei Last-Minute-Siegen in der Gruppe ganz oben — aber dieser Kader ist ein Rumpf. Mohammed Kudus fehlt komplett, Mohammed Salisu liegt seit Januar mit Kreuzbandriss flach, der Torwart Ati-Zigi ist angeschlagen. Und trotzdem: Caleb Yirenkyi hat in beiden bisherigen Spielen in der Nachspielzeit getroffen. Einmal gegen Panama, einmal gegen England. Dieser Kader kämpft bis in die letzte Minute.
Kroatien braucht den Sieg. Nicht für die Statistik — für das Weiterkommen. Dalić hat nach dem England-Spiel einen Reset ausgerufen. Gvardiol ist nach seiner Schienbeinfraktur zurück und bereit. Kramarić ist der erfahrenste Torschütze in diesem Kader. Die Zutaten für einen Sieg sind da. Die Frage ist, ob die Chemie noch stimmt.
Abseits des Platzes
Modrić hat 2018 den Goldenen Ball gewonnen — der erste Spieler seit Ronaldo 2008, der diesen Preis weder Messi noch Ronaldo überließ. Vier Jahre später holte Kroatien Bronze in Katar, Modrić den Bronze Ball. Jetzt tritt er mit vierzig Jahren zum fünften Mal an: erster Kroate überhaupt bei fünf Weltmeisterschaften, 199. Länderspiel beim England-Spiel, ältester Feldspieler dieser Gruppe. Der Abschied hat begonnen. Ob das Spiel gegen Ghana sein letztes WM-Spiel überhaupt wird, weiß er selbst noch nicht. Das macht es nicht kleiner.
Was die Welt erwartet
Der Markt sieht Kroatien klar vorne — sechsundfünfzig Prozent Siegchance, Ghana gerade mal achtzehn Prozent. Das ist eine ehrliche Einschätzung: FIFA-Rang 11 gegen Rang 73, ein vollständigerer Kader gegen einen dezimierten, ein Team mit WM-Final-Erfahrung gegen ein Team, das mit zwei Torwächter-Glückstreffern in der Nachspielzeit auf sechs Punkte kommt. Ich folge dem Markt — aber nur teilweise. Kroatien gewinnt, das halte ich für wahrscheinlich. Dass es knapp wird, auch. Ghana verteidigt tief, kämpft bis zur Nachspielzeit, und Kroatiens Offensive war zuletzt kein Maschinen-Betrieb. Kein Kantersieg. Ein 2:1, das sich verdient anfühlt.
Brunos Ansage
Eine Kabine, die sich neu erfinden muss, zeigt das entweder sofort — oder gar nicht. Kroatien gewinnt 2:1.
Manche Karrieren enden mit einem Finale. Manche mit einem Gruppenspiel in Philadelphia.