Kansas City, oder: Das Paradox der europäischen Nordafrikaner
Die These
Zwanzig von sechsundzwanzig Tunesiern verdienen ihren Lebensunterhalt in Europa — und genau das ist das Paradox: gut genug für Frankfurt und Burnley, nicht gut genug, um auch nur einen Zähler aus dieser Gruppe mitzunehmen.
Der Faktenkasten
Die Lage
Tunesien ist ausgeschieden. Das weiß Tunesien, das weiß die Niederlande, das weiß die Quote. Acht Gegentore in zwei Spielen, null eigene — und die Torschussbilanz sieht noch schlimmer aus als das Ergebnis. Nicht, weil diese Mannschaft schwach wäre. Ihre Gegner waren besser. Und heute ist ihr Gegner noch eine Klasse drüber.
Auf der anderen Seite steht Oranje: vier Punkte, das 5:1 gegen Schweden im Gepäck, Cody Gakpo und Brian Brobbey in Torstimmung, und Ronald Koeman weiß, dass ein Unentschieden wahrscheinlich reicht. Xavi Simons fehlt mit Kreuzbandriss, de Ligt und de Vrij sind verletzt — aber eine Mannschaft, die Schweden mit fünf Toren auseinandernimmt, hat genug übrig. Virgil van Dijk führt diese Kabine, und eine Kabine mit van Dijk bricht selten ohne äußeren Anlass auseinander.
Am Kansas City Stadium werden fast siebzigtausend Zuschauer sehen, wie zwei sehr unterschiedliche Fußballgeschichten zu Ende gehen: eine nach der Gruppenphase, die andere erst in den K.o.-Runden. Ehrenspiel oder nicht — Oranje läuft auf.
Abseits des Platzes
Hannibal Mejbri ist in Ivry-sur-Seine geboren, hat sich bewusst für Tunesien entschieden — „Ich habe mit dem Herzen gewählt.” Er ist dreiundzwanzig, spielt in der Premier League bei Burnley, wird vom französischen Verband nicht mehr umworben. Ellyes Skhiri, der Kapitän, ist achtundachtzig Länderspiele alt und spielt für Eintracht Frankfurt. Rani Khedira, Debütant bei dieser WM, ist der Sohn von Lamine Khedira, der für Deutschland spielte — Rani spielt für Tunesien, sein Bruder Sami wurde 2014 Weltmeister mit der DFB-Elf. Drei Männer, ein Familienname, zwei Nationalverbände. Das niederländische Team hat seinerseits tiefere Diaspora-Wurzeln als jede Mannschaft der 1980er und 1990er: Suriname, einst Kolonie bis 1975, gab Oranje Rijkaard, Gullit, Seedorf, Davids — und heute steht van Dijk auf dem Feld. Dieses Spiel ist kein Fußballspiel. Es ist eine Migration in Trikots.
Was die Welt erwartet
Der Markt sagt dasselbe, nur lauter: rund vierundachtzig Prozent Wahrscheinlichkeit für den niederländischen Sieg, Remis irgendwo bei zwölf Prozent, Tunesien-Sieg eine reine Außenseiter-Statistik. Ich folge der Quote vollständig — kein mutiger Contra-Tipp heute, kein romantischer Underdog-Schwur. Tunesien und die Niederlande haben noch nie ein Pflichtspiel gespielt, und das einzige Freundschaftsspiel 2009 endete 1:1 in Tunis. Kansas City ist kein Heimvorteil.
Brunos Ansage
Das Momentum kennt heute nur eine Richtung. Niederlande gewinnt 0:3.
Mejbri hat mit dem Herzen gewählt. Heute Nacht tippt Bruno mit dem Kopf.