Seattle, oder: 42 Jahre für einen Schritt auf dem Platz
Die These
Katar reist mit zwei Sperren, sechs Gegentoren und einer Mannschaft ohne Energie nach Seattle — Bosnien muss das nur ernst nehmen.
Der Faktenkasten
Die Lage
Für Bosnien ist die Lage klar: Nur ein Sieg hält die Hoffnung am Leben, als Gruppendritter noch weiterzukommen. Ein Remis reicht mathematisch nur dann, wenn gleichzeitig alle anderen Dritten schlechter dastehen — das ist kein Plan, das ist Hoffen auf Fremdschieben. Mit Tarik Muharemović gesperrt (Rote Karte gegen die Schweiz) wird Dennis Hadžikadunić in die Dreierabwehr rücken, und Edin Džeko mit 40 Jahren und 30 WM-Jahren auf dem Buckel muss einmal mehr das Ding regeln. Das ist viel für einen Mann, und es ist genau das, wofür er hier ist.
Katar? Sechs Gegentore aus zwei Spielen, zwei Rote Karten gegen Kanada, und noch dazu Assim Madibo und Homam El Amin gesperrt. Akram Afif kann Spiele entscheiden — das hat er bewiesen, sein spätes Ausgleichstor gegen die Schweiz war kein Zufall. Aber diese katarische Mannschaft ist defensiv zerrüttet, und wer Bosnien zum Schießen einlädt, bekommt Džeko plus Demirović auf sich. Das Katar-Wunder würde gleichzeitig eine bosnische Niederlage voraussetzen, und auf das Szenario wette ich nicht.
Mein Röntgenblick: Hier steht eine bosnische Kabine, die weiß, was auf dem Spiel steht — nicht nur Achtelfinale, sondern etwas, das sich größer anfühlt. Katar reist mit einem Kader, dem die Luft raus ist. Der Sieg gehört Bosnien, die Frage ist nur, wie deutlich.
Abseits des Platzes
Vom 8. bis zum 19. Februar 1984 richtete Sarajevo die Olympischen Winterspiele aus — das erste Mal in einem sozialistischen Land, 49 Nationen, kein Boykott. Die Sprungschanzen auf Bjelašnica, die Bobsleigh-Bahn auf Trebević: Weltklasse-Anlagen in einer Hauptstadt, die sich der Welt geöffnet hatte. Acht Jahre später belagerten Einheiten diese Berge und richteten dieselben Anlagen auf die Stadt. Die Olympiastätten wurden zu Artilleriestellungen. Dass heute, 42 Jahre nach den Spielen von 1984, eine bosnische Nationalmannschaft in Seattle um den Einzug in eine WM-Runde kämpft — als unabhängige Nation, die 1996 überhaupt erst FIFA-Mitglied wurde — ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein langer Weg von der Ziellinie auf dem Bjelašnica bis zu diesem Rasen.
Was die Welt erwartet
Der Markt sieht Bosnien mit fast siebzig Prozent Siegwahrscheinlichkeit — und das ist einer der wenigen Abende, wo ich der Quote nicht widerspreche, sondern ihr folge. Drei zu null traut ihr natürlich niemand zu; die Quote auf das genaue Ergebnis ist großzügig. Ich tippe auf einen klaren bosnischen Heimsieg mit zwei oder mehr Toren Abstand, weil Katars Defensive nach diesem Turnier nicht mehr das ist, was sie vor dem Anpfiff vielleicht gewesen sein könnte.
Brunos Ansage
Eine Kabine weiß, wofür sie spielt — die andere weiß, dass es vorbei ist. Bosnien-Herzegowina gewinnt 3:0. Katar kommt nicht ins Spiel, wenn Bosnien früh führt.
42 Jahre für diesen Schritt. Džeko macht ihn jetzt.