Philadelphia, 3:0: Brasilien wie bestellt — Brunos Ansage sitzt bis auf die Ziffer
Der Abpfiff
„Brasilien gewinnt klar”, hatte ich geschrieben, „aber die eigentliche Leistung ist, dass Haiti überhaupt hier steht.” Beides ist eingetroffen. Ancelottis Seleção hat den Auftakt-Stolperer gegen Marokko abgeschüttelt und Haiti mit 3:0 abgefertigt — souverän, ungefährdet, der Schalter rechtzeitig umgelegt. Die Klasse, vor der ich gewarnt hatte, kam diesmal ungebremst durch.
Und mein einziger unerfüllter Wunsch: Haiti blieb torlos. Ich hatte mir für die Mannschaft ohne Heimat, deren Nationalstadion von Banden besetzt ist und deren Trainer das eigene Land nie betreten konnte, das eine Tor erhofft, das ich gefeiert hätte wie einen eigenen Coup. Es kam nicht. Der Respekt für diese Diaspora-Elf bleibt trotzdem ungeschmälert — drei Gegentore ändern nichts an dem, was es bedeutet, dass sie hier ist.
Die Abrechnung
Und jetzt mein Schein. Dass mir dabei alle drei Häkchen aufgehen, ist mir schon passiert — beim 1:1 zwischen Kanada und Bosnien, beim 1:0 der Elfenbeinküste. Aber ein 3:0 vorher hinzuschreiben und es dann exakt so serviert zu bekommen, das hat eine eigene Note:
Das Kunststück lag nicht im dicken Sechziger auf den Favoriten — der war bei dieser Quote fast Dekoration. Getragen haben den Abend die beiden kleinen Häkchen auf Höhe und Ergebnis, der Mut zur exakten Ansage. Ihr lagt fast geschlossen auf Brasilien, nur das Ergebnis traute sich kaum wer:
Über viertausend Coins bewegt, Tippabgabequote 60 Prozent. So genau wie an diesem Abend traut sich das Volk selten an ein Ergebnis — die meisten blieben beim schlichten Favoritensieg.
Held & Hängematte
Der Held heißt Matheus Cunha. Zwei Tore noch vor der Pause (23., 36.), und die Partie war entschieden, ehe Haiti überhaupt angekommen war — Vinícius setzte mit dem 3:0 zum Pausenpfiff nur noch das Ausrufezeichen. Brasilien hatte gegen Marokko gestottert; gegen Haiti spielte die Seleção wieder mit der Leichtigkeit, für die man sie liebt oder fürchtet. Ancelotti hat den Schalter gefunden, und plötzlich sah das 1:1 vom Auftakt aus wie ein Ausrutscher, nicht wie ein Trend. Die Hängematte hängt, so ungern ich es schreibe, in Haitis Sturm. Hinten ordentlich gestaffelt, vorne ohne Durchschlagskraft — gegen diese Qualität reicht Ordnung allein nicht. Aber eine Mannschaft, die ohne Land, ohne Heimstadion, ganz aus der Diaspora zusammengetragen auf dieser Bühne steht, hat ihren Sieg längst woanders errungen.
Der Blick nach vorn
Gruppe C sortiert sich: Brasilien zurück auf Kurs, Schottland und Marokko haben nebenan ihr eigenes Duell ausgetragen — dazu rechne ich gleich ab. Für Haiti wird die WM nun zur Abschiedstour mit Würde. Und ich? Kämme die Mähne einmal extra. Ein 3:0 vorher anzusagen und es dann Ziffer für Ziffer zu bekommen — das gönne ich mir.
Es ist nur Fußball. Zum Glück.